Die nächste Krise kommt bestimmt!

Unser Hirn ist schlau, es zeigt uns unsere Welt, so wie sie uns gefällt. 🙂 Aber erstens kommt es anders und zweitens als man denkt.

„Heute und morgen schreiben ich Kapitel 4 fertig, nächste Woche werte ich dann die Daten vom Interview aus und in 8 Wochen beginne ich zu überarbeiten…“ so ungefähr kann ein Gedanke zur Schreibplanung aussehen. Diese Planung würde auch funktionieren, in einer „idealen Welt“. Aber! …da ist noch das Treffen mit der besten Freundin (ein bissi zu viel Aperol & zu wenig Schlaf), die Birkenpollen (müde, Nase rinnt, grantig), die kaputte Waschmaschine usw. Diese Verzögerer im Alltag sind bekannt, werden aber tendenziell in ihrer „schreibhemmenden Wirkung“ unterschätzt. Oft gar nicht in den Blick genommen wird meiner Meinung nach eine entscheidende Herausforderung beim wissenschaftlichen Schreiben: die Übergangsphase(n) die zwischen den verschiedenen Arbeitsschritten notwendig ist/sind. Einen Rohtext zu verfassen hat andere Anforderungen wie z. B. die Datenauswertung oder das Überarbeitung von Texten. Jede Phase hat einen eigenen Rhythmus, ist mehr oder weniger anstrengend, braucht eine andere Art und Weise des Arbeitens und Denkens usw. Der Arbeitsfluss gerät mitunter ins Stocken, die Krise ist da!

Es kann in dieser Zeit ruhig 2 bis 3 Tage dauern, bis es wieder fließt und man genau weiß, was als nächstes getan werden muss, um wieder in den Flow zu kommen. Wird das berücksichtigt (im Zeitplan miteinberechnet), kann der mögliche Ärger darüber, dass „schon wieder nix weiter geht“, einer nüchternen Gelassenheit weichen!

Markus Mersits

Advertisements

Frauen an die MACHT!

Liebe Kolleginnen,

als Philosoph und wissenschaftlich interessierter Mensch muss ich gestehen – besonders in meinem Metier kommen viel zu wenig Frauen zu Wort! Wenn ich nachdenke kommen mir schon zeitgenössische Philosophinnen in den Sinn, z. B.

Annemarie Pieper, Dagmar Fenner, Carmen Kaminsky, Lisz Hirn, Barbara Bleisch, Herlinde Pauer-Studer, Herta Nagel-Docekal, Susan Neiman, Judith Butler, Martha Nussbaum, Catherine Newmark usw.

Denke ich aber an Klassiker, dann kommen mir gerade mal Hannah Arendt und Simone de Beauvoir in den Sinn.

Wissenschaft heißt auch die ausgetretenen Pfade zu verlassen und sich auf die Suche machen, nach interessanten Ideen und Nischen des Wissens, nach großen aber vielleicht unbekannten Entwürfen, Gedanken, Ideen usw.

Deshalb bin ich bewusst auf die Suche gegangen, um die Denkwelt von Philosophinnen besser kennen zu lernen. Dazu gibt es übrigens eine Schreibnacht, am 05. Mai im Writersstudio, 19.45 – 23 Uhr:
Philosophisches Frühlingserwachen: Eine Schreibnacht auf den Spuren großer DenkerInnen.

Markus Mersits

Ablenkung ohne Tiefgang !!

Intensive Schreibphasen sind Zeiten hoher geistiger Anforderungen und höchster Konzentration. Eine zentrale Frage im Schreibprozess ist folgende: was ist die geeignete Form der Zerstreuung, was lenkt mich ab und entspannt mich, macht mir Freude, baut mich auf, gibt mir Kraft?

Soziale Kontakte sind natürlich wichtig und richtig, oftmalige Begleiter davon, Zigaretten, Kaffee, Alkohol eher kontraproduktiv. News aus aller Welt sind interessant, die zermürbenden Seiten davon, Krieg, Flucht, verrückte Politik usw. können sich emotional negativ auf uns auswirken. Ein paar Tage frei nehmen und sich erholen ist gut. Eine zu lange Pause bedeutet aber, sich wieder frisch Einarbeiten zu müssen, inklusive Anlaufschwierigkeiten.

Auch abseits der Schreibarbeit vernünftige Inhalte zu konsumieren– z.B. Sachbücher lesen, Diskussionen anschauen – kann folgenden Effekt haben. Unser Hirn wird durch diese interessanten Inputs „besetzt“. Der „Arbeits- und Denkplatz“ den ich für meine Arbeit gut gebrauchen könnte, ist anderweitig beschäftigt.

Daher noch mal die Fragen:

  • was lenkt mich ab,
  • entspannt mich,
  • macht mir Freude,
  • baut mich auf,
  • gibt mir Kraft?

– ohne inhaltlich meine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, um mich so emotional oder intellektuell am Schreiben zu hindern.

Markus Mersits

Warum ich Überarbeiten liebe

Personal Reading Essay zu Doris Märtin, „Erfolgreich texten“

Von Alexandra Kaar (Historikerin am Institut für Österreichische Geschichtsforschung, Wien)

Rohtexte zu produzieren ist für mich eine Qual. Dinge laufen und fließen zu lassen ist auch nach einigen Jahren positiver Erfahrungen mit den Methoden des writers’studio Schwerarbeit für mich, kaum jemals berauschend, selten schnell und noch seltener erfüllend, so wie es in vielen Texten beschrieben wird. Wenn ich einen Rohtext für meine wissenschaftlichen Arbeiten schreibe türmt sich mühevoll Gedanke über Gedanke, jeder strotzend von prunkendem Fachvokabular und stilistischen Finessen. Eine Schachtelsatzkonstruktion folgt der nächsten und ist mit ihr zu solch halsbrecherisch-komplizierten grammatikalischen Konstruktionen verzahnt, dass es immer wieder erstaunlich ist, wie jedes dieser Satzungetüme am Ende zuverlässig und mathematisch präzise mit Null Rest aufgeht. Fremdwörter und Passivkonstruktionen machen den Text so unpersönlich, dass er zehn Meter über der Erde schwebt und man vor Ehrfurcht vor so viel aufgeblasener akademischer Gelehrsamkeit fast erstarren möchte.

Diese Art von Rohtexten ist ein Spiegel meines Denkens. Ich denke kompliziert, ich denke verschachtelt, ich denke in hundert Einschüben, auf die ich erst komme, wenn ich einen Gedanken niederschreibe, mit hundert Unterfragen und Widersprüchen. Ich denke im Schreiben, und mein Denken ist kompliziert und hochtrabend, weshalb meine Rohtexte kompliziert und hochtrabend sind, und oft so voll von Bäumen, dass man nicht einmal ansatzweise mehr den Wald sieht. Dieses Denken ist anstrengend, und ich bin danach erschöpft, so als wäre ich stundenlang durch diesen Gedanken-Urwald geirrt ohne den Weg hinaus zu finden.

Doch dann beginnt glücklicherweise der Spaß. Dann wird das Unterholz gelichtet und ich mache mich auf die Suche nach dem Gedanken, der sich eigentlich in diesem Urwald verbirgt. Was will ich im Grunde sagen? Was ist die Kernaussage dieses und jenes Absatzes? Welchem Zweck dient er im Gesamttext?

Ich suche Stellen, an denen man Punkte machen und die Sätze aufdröseln kann. Ich wandle Passiv- in Aktivkonstruktionen um. Ich freue mich über jede neue Idee, die Licht und frische Luft zwischen die einzelnen Wörter bringt. Und während dieses Überarbeitens merke ich, wie langsam, langsam die Erkenntnis wächst, was ich an einer bestimmten Stelle eigentlich sagen möchte. Langsam, langsam erkenne ich die ganze Schönheit des Gedankens, der hinter dem Dickicht verborgen war, seine Eleganz, seine Qualität.

Überarbeiten enthüllt mir, was ich eigentlich gedacht habe, und macht mich stolz auf das, was ich begriffen habe. Erst beim Überarbeiten sehe ich, dass ein Text Gehalt und Fülle hat, dass eine Argumentation aufgeht, dass ich einen neuen Gedanken gedacht habe, den so noch niemand vor mir gedacht hat. Lange, verschachtelte Sätze sind nach Doris Märtin oft ein Zeichen dafür, dass ein Gedanke noch nicht zu Ende gedacht wurde (Märtin 2000, 139). So ist es bei meinen Rohtexten und darum liebe ich es, sie zu überarbeiten. Ich liebe es, in dieser Phase einem Gedanken auf den Grund zu gehen und seine präziseste und ästhetisch ansprechendste Form zu finden, so lange, bis der Text kein Urwald mehr ist sondern ein lichtdurchfluteter Nutzwald, in dem das herausgeschlagen wurde, was überflüssig war, und das stehen geblieben ist, was weiterwachsen kann und soll. Dann sitze ich im Schatten dieses Waldes und freue mich über seine Schönheit und wünsche mir, dass jeder Schritt des Schreibprozesses so befriedigend wäre. Aber jeder Urwald muss zuerst wuchern, damit er gelichtet werden kann; jeder Rohtext muss zuerst geschrieben werden, damit er überarbeitet werden kann.

Alexandra Kaar

Wissenschaft schwitzt nicht!

Ein Nachtrag zum letzten Blog-Eintrag.

Es gehört, wie Friedrich Nietzsche (1844 – 1900) sagt, zum Geschmacke eines Schreibenden, „…einem boshaften Geschmacke vielleicht? –, nichts mehr zu schreiben, womit nicht jede Art Mensch, die »Eile hat«, zur Verzweiflung gebracht wird. Philologie nämlich ist jene ehrwürdige Kunst, welche von ihrem Verehrer vor allem eins heischt, beiseite gehen, sich Zeit lassen, still werden, langsam werden –, als eine Goldschmiedekunst und –kennerschaft des Wortes, die lauter feine vorsichtige Arbeit abzutun hat und nichts erreicht, wenn sie es nicht lento erreicht. Gerade damit aber ist sie heute nötiger als je, gerade dadurch zieht sie und bezaubert sie uns am stärksten, mitten in einem Zeitalter der »Arbeit«, will sagen: der Hast, der unanständigen und schwitzenden Eilfertigkeit, das mit allem gleich »fertig werden« will, auch mit jedem alten und neuen Buche: – sie selbst wird nicht so leicht irgendwomit fertig, sie lehrt gut lesen, das heißt langsam, tief, rück- und vorsichtig, mit Hintergedanken, mit offen gelassenen Türen, mit zarten Fingern und Augen lesen…“

(Nietzsche: Morgenröte. Gedanken über moralische Vorurteile / Vorrede)

Der Apfel schmeckt nur analog!!

Denken, Lesen & Schreiben bleiben analoge Vorgänge… trotz MacBook, Pad, Pod, Phone, Air, Pro usw. usf.

Natürlich sind uns Tablets & Notebooks auch große Hilfen, wir können blitzschnell in Datenbanken Literatur suchen & sichten, wir können mit Literaturprogrammen arbeiten, Word nimmt uns einen Teil der Fehlerkorrektur ab usw. usf.

Dagegen ist nichts einzuwenden, aber Gedanken müssen sich ent-wickeln, ausbreiten, wachsen, geprüft & manchmal nach-gedacht werden.

Daher mein Arbeitsvorschlag:

  • Lesen in Büchern und ausgedruckten Aufsätzen.
  • Rohtexte handschriftlich verfassen.
  • In Gruppen gemeinsam schreiben – im Schweiße unseres Angesichts sozusagen.

Mit der Hand schreiben bringt eine intensivere Auseinandersetzung mit der Materie mit sich & somit eine gesteigerte Bearbeitungstiefe… – da wissenschaftliches Schreiben kein „Husch-Pfusch-Geschehen“ ist, ist dieser Umstand von Bedeutung!

Der Einsatz der Hand stimuliert das Gehirn ungemein – ohne Be-greifen kein Denken – ohne Denken, kein Schreiben! Dies ist ganz wichtig für die Gehirnentwicklung im Kindesalter & bleibt ebenso bedeutend beim Studieren. Die Hirnforschung belegt mittlerweile sehr gut, wie positiv sich analoges Lesen & Schreiben auf die Lernprozesse auswirkt. Ein Studie dazu trägt den bezeichnenden Titel: The Pen Is Mightier Than the Keyboard (Müller / Oppenheimer, Psychological Science 2014, Vol. 25)

Wer bei der Vorlesung mitschreibt & mitdenkt, anstatt nur in die Kiste zu tippen was ins Ohr dringt, merkt sich den vorgetragenen Inhalt besser!

Es lohnt sich mit der Hand zu schreiben!

Markus Mersits

Von Facebook, Fenster putzen und Fake News

Es ist schon interessant, wer die Streif am schnellsten runterbraust, wer die Australien Open gewonnen hat, wer Spitzenkandidat gewesen wäre, falls wir dann mal wieder fast gewählt hätten… und welcher Trumpel schon wieder irgendwo eine Mauer bauen will.

Unser Dopaminspiegel steigt, wenn am Handy stetig neue News aufpingen und piepsen, um unsere Aufmerksamkeit einzufordern. Es beschäftigt uns, regt uns auf, macht uns mitunter Angst und ist Stoff für Smalltalk, um so manch peinliche Stille zu durchbrechen… „Schwarzenegger war beim Papst, Franziskus hat wohl Lust auf Äktschn….“.

Willst du aber eine wissenschaftliche Abschlussarbeit schreiben, nachdenken, vorplanen & tief in eine Wissensmaterie vordringen, dann wär die wichtigste, wichtigste Diät folgende: sich der News-Maschinerie für ein paar Monate zu entziehen & die geistige Nahrung auf gehaltvolle Kost zu reduzieren!

Ist die erste Zeit überstanden, steigt die Konzentration & die Unruhe, den „Tweet des Jahres zu versäumen“, wird abgelöst durch jene Unruhe, die der schmelzende Zeithorizont hin zum Abgabetermin auslöst.

Ist diese innere Hürde und Zeit verschlingende Gewohnheit der „Newsmania“ der strukturierten Arbeit des Schreibens gewichen, steht einem erfolgreichen Abschluss des Studiums nichts mehr im Wege…. oder fast nichts mehr… – auf jeden Fall hilft´s!

Markus Mersits

Staunen und Zweifeln erlaubt

Mit dem Staunen beginnt das Fragen, das Interesse, die Erkenntnis. Das haben uns schon die Griechen gesagt, zumindest 2 davon: Platon & Aristoteles!

„Über etwas zu staunen heißt, eine Beobachtung, eine Erzählung, eine Erklärung nicht mehr als selbstverständlich anzunehmen, Skepsis gegenüber der eigenen Sinneswahrnehmung zu hegen, Fragen zu stellen, statt bisher gültige Antworten zu übernehmen… Das Staunen ist somit verschwistert mit dem Zweifel“ (Wie das Staunen ins Universum kam. Lesch/Kummer, 2016)

….damit beginnt…. Wissenschaft!

Markus Mersits

Auf falsche Fragen gibt es keine richtigen Antworten!

Die Forschungsfrage ist und bleibt ein Kardinalpunkt beim wissenschaftlichen Schreiben. Ein selbstgewähltes Thema zu bearbeiten ist aufregend. Ein Thema wird zu meinem Thema, mein Thema ist verknüpft mit Interesse, Leidenschaft und Erfahrung. Doch zu viel an Herzblut birgt auch Gefahren!

Anstatt eine winzige Kleinigkeit zu zerlegen, zu analysieren und zu bearbeiten, erblicken Forschungsvorhaben das Licht der Welt, die eher eine Schar von WissenschafterInnen zur Bearbeitung bräuchten, denn ein einzelnes, kleines, verwundbares Studentlein!

Wissenschaft und leidenschaftliches Interesse können sich ergänzen. Eine enge Beziehung zum Thema kann aber auch eine verführerische Sirene sein, die die Schreibenden in manch elendslange Sackgassen „verlenkt.“

Es sei denn…

Du weißt genau, wie du den Forschungsfokus so beschränken und einschränken kannst, dass du innerhalb von 5 bis 8 Monaten das Thema gut bearbeiten kannst!!
Markus Mersits

Nicht jedes Drama ist eine Tragödie

Wie sagt Mephisto zu Faust: „Allwissend bin ich nicht, doch viel ist mir bewusst!“

Liebe Studentinnen, liebe Studenten!

Ich behaupte: Ihr könnt und wisst oft viel mehr, als ihr euch eingestehen möchtet! Bewusst starrt ihr auf eure Inkompetenzen – unbewusst sind euch die vielen Kompetenzen, die euch die Evolution, die Schule, die Oma, die Flötenlehrerin, die Professorinnen usw. mitgegeben haben.

Eine Anregung: macht euch eine Liste mit all den Büchern und Aufsätzen die ihr über euer Thema z.B. zur Masterthese gelesen habt! Sind es 5, 10, 15 oder gar mehr Quellen? Bravo, klopft euch auf die Schulter! Dann nehmt euch denjenigen Text zur Hand der gerade eine gewisse Anziehungskraft entwickelt. Um ihn nicht nochmal wirr nach Brauchbarem zu durchstöbern ist es sinnvoll, ein paar Gedanken in den „Suchfokus“ zu stecken. Was brauche ich jetzt genau vom Text, was suche ich im Text…? Findet man auf diese Frage eine Antwort, dann gleich ein paar Sätze dazu exzerpieren & ein, zwei Gedanken dazu niederschreiben. Jetzt fehlt nur noch die Quellenangabe & Voilá 🙂

Ein neuer Absatz, ein Stück Rohtext wurde geboren!

(Markus Mersits)