Warum ich Überarbeiten liebe

Personal Reading Essay zu Doris Märtin, „Erfolgreich texten“

Von Alexandra Kaar (Historikerin am Institut für Österreichische Geschichtsforschung, Wien)

Rohtexte zu produzieren ist für mich eine Qual. Dinge laufen und fließen zu lassen ist auch nach einigen Jahren positiver Erfahrungen mit den Methoden des writers’studio Schwerarbeit für mich, kaum jemals berauschend, selten schnell und noch seltener erfüllend, so wie es in vielen Texten beschrieben wird. Wenn ich einen Rohtext für meine wissenschaftlichen Arbeiten schreibe türmt sich mühevoll Gedanke über Gedanke, jeder strotzend von prunkendem Fachvokabular und stilistischen Finessen. Eine Schachtelsatzkonstruktion folgt der nächsten und ist mit ihr zu solch halsbrecherisch-komplizierten grammatikalischen Konstruktionen verzahnt, dass es immer wieder erstaunlich ist, wie jedes dieser Satzungetüme am Ende zuverlässig und mathematisch präzise mit Null Rest aufgeht. Fremdwörter und Passivkonstruktionen machen den Text so unpersönlich, dass er zehn Meter über der Erde schwebt und man vor Ehrfurcht vor so viel aufgeblasener akademischer Gelehrsamkeit fast erstarren möchte.

Diese Art von Rohtexten ist ein Spiegel meines Denkens. Ich denke kompliziert, ich denke verschachtelt, ich denke in hundert Einschüben, auf die ich erst komme, wenn ich einen Gedanken niederschreibe, mit hundert Unterfragen und Widersprüchen. Ich denke im Schreiben, und mein Denken ist kompliziert und hochtrabend, weshalb meine Rohtexte kompliziert und hochtrabend sind, und oft so voll von Bäumen, dass man nicht einmal ansatzweise mehr den Wald sieht. Dieses Denken ist anstrengend, und ich bin danach erschöpft, so als wäre ich stundenlang durch diesen Gedanken-Urwald geirrt ohne den Weg hinaus zu finden.

Doch dann beginnt glücklicherweise der Spaß. Dann wird das Unterholz gelichtet und ich mache mich auf die Suche nach dem Gedanken, der sich eigentlich in diesem Urwald verbirgt. Was will ich im Grunde sagen? Was ist die Kernaussage dieses und jenes Absatzes? Welchem Zweck dient er im Gesamttext?

Ich suche Stellen, an denen man Punkte machen und die Sätze aufdröseln kann. Ich wandle Passiv- in Aktivkonstruktionen um. Ich freue mich über jede neue Idee, die Licht und frische Luft zwischen die einzelnen Wörter bringt. Und während dieses Überarbeitens merke ich, wie langsam, langsam die Erkenntnis wächst, was ich an einer bestimmten Stelle eigentlich sagen möchte. Langsam, langsam erkenne ich die ganze Schönheit des Gedankens, der hinter dem Dickicht verborgen war, seine Eleganz, seine Qualität.

Überarbeiten enthüllt mir, was ich eigentlich gedacht habe, und macht mich stolz auf das, was ich begriffen habe. Erst beim Überarbeiten sehe ich, dass ein Text Gehalt und Fülle hat, dass eine Argumentation aufgeht, dass ich einen neuen Gedanken gedacht habe, den so noch niemand vor mir gedacht hat. Lange, verschachtelte Sätze sind nach Doris Märtin oft ein Zeichen dafür, dass ein Gedanke noch nicht zu Ende gedacht wurde (Märtin 2000, 139). So ist es bei meinen Rohtexten und darum liebe ich es, sie zu überarbeiten. Ich liebe es, in dieser Phase einem Gedanken auf den Grund zu gehen und seine präziseste und ästhetisch ansprechendste Form zu finden, so lange, bis der Text kein Urwald mehr ist sondern ein lichtdurchfluteter Nutzwald, in dem das herausgeschlagen wurde, was überflüssig war, und das stehen geblieben ist, was weiterwachsen kann und soll. Dann sitze ich im Schatten dieses Waldes und freue mich über seine Schönheit und wünsche mir, dass jeder Schritt des Schreibprozesses so befriedigend wäre. Aber jeder Urwald muss zuerst wuchern, damit er gelichtet werden kann; jeder Rohtext muss zuerst geschrieben werden, damit er überarbeitet werden kann.

Alexandra Kaar

Advertisements