Die nächste Krise kommt bestimmt!

Unser Hirn ist schlau, es zeigt uns unsere Welt, so wie sie uns gefällt. 🙂 Aber erstens kommt es anders und zweitens als man denkt.

„Heute und morgen schreiben ich Kapitel 4 fertig, nächste Woche werte ich dann die Daten vom Interview aus und in 8 Wochen beginne ich zu überarbeiten…“ so ungefähr kann ein Gedanke zur Schreibplanung aussehen. Diese Planung würde auch funktionieren, in einer „idealen Welt“. Aber! …da ist noch das Treffen mit der besten Freundin (ein bissi zu viel Aperol & zu wenig Schlaf), die Birkenpollen (müde, Nase rinnt, grantig), die kaputte Waschmaschine usw. Diese Verzögerer im Alltag sind bekannt, werden aber tendenziell in ihrer „schreibhemmenden Wirkung“ unterschätzt. Oft gar nicht in den Blick genommen wird meiner Meinung nach eine entscheidende Herausforderung beim wissenschaftlichen Schreiben: die Übergangsphase(n) die zwischen den verschiedenen Arbeitsschritten notwendig ist/sind. Einen Rohtext zu verfassen hat andere Anforderungen wie z. B. die Datenauswertung oder das Überarbeitung von Texten. Jede Phase hat einen eigenen Rhythmus, ist mehr oder weniger anstrengend, braucht eine andere Art und Weise des Arbeitens und Denkens usw. Der Arbeitsfluss gerät mitunter ins Stocken, die Krise ist da!

Es kann in dieser Zeit ruhig 2 bis 3 Tage dauern, bis es wieder fließt und man genau weiß, was als nächstes getan werden muss, um wieder in den Flow zu kommen. Wird das berücksichtigt (im Zeitplan miteinberechnet), kann der mögliche Ärger darüber, dass „schon wieder nix weiter geht“, einer nüchternen Gelassenheit weichen!

Markus Mersits

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Ablenkung ohne Tiefgang !!

Intensive Schreibphasen sind Zeiten hoher geistiger Anforderungen und höchster Konzentration. Eine zentrale Frage im Schreibprozess ist folgende: was ist die geeignete Form der Zerstreuung, was lenkt mich ab und entspannt mich, macht mir Freude, baut mich auf, gibt mir Kraft?

Soziale Kontakte sind natürlich wichtig und richtig, oftmalige Begleiter davon, Zigaretten, Kaffee, Alkohol eher kontraproduktiv. News aus aller Welt sind interessant, die zermürbenden Seiten davon, Krieg, Flucht, verrückte Politik usw. können sich emotional negativ auf uns auswirken. Ein paar Tage frei nehmen und sich erholen ist gut. Eine zu lange Pause bedeutet aber, sich wieder frisch Einarbeiten zu müssen, inklusive Anlaufschwierigkeiten.

Auch abseits der Schreibarbeit vernünftige Inhalte zu konsumieren– z.B. Sachbücher lesen, Diskussionen anschauen – kann folgenden Effekt haben. Unser Hirn wird durch diese interessanten Inputs „besetzt“. Der „Arbeits- und Denkplatz“ den ich für meine Arbeit gut gebrauchen könnte, ist anderweitig beschäftigt.

Daher noch mal die Fragen:

  • was lenkt mich ab,
  • entspannt mich,
  • macht mir Freude,
  • baut mich auf,
  • gibt mir Kraft?

– ohne inhaltlich meine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, um mich so emotional oder intellektuell am Schreiben zu hindern.

Markus Mersits

Warum ich Überarbeiten liebe

Personal Reading Essay zu Doris Märtin, „Erfolgreich texten“

Von Alexandra Kaar (Historikerin am Institut für Österreichische Geschichtsforschung, Wien)

Rohtexte zu produzieren ist für mich eine Qual. Dinge laufen und fließen zu lassen ist auch nach einigen Jahren positiver Erfahrungen mit den Methoden des writers’studio Schwerarbeit für mich, kaum jemals berauschend, selten schnell und noch seltener erfüllend, so wie es in vielen Texten beschrieben wird. Wenn ich einen Rohtext für meine wissenschaftlichen Arbeiten schreibe türmt sich mühevoll Gedanke über Gedanke, jeder strotzend von prunkendem Fachvokabular und stilistischen Finessen. Eine Schachtelsatzkonstruktion folgt der nächsten und ist mit ihr zu solch halsbrecherisch-komplizierten grammatikalischen Konstruktionen verzahnt, dass es immer wieder erstaunlich ist, wie jedes dieser Satzungetüme am Ende zuverlässig und mathematisch präzise mit Null Rest aufgeht. Fremdwörter und Passivkonstruktionen machen den Text so unpersönlich, dass er zehn Meter über der Erde schwebt und man vor Ehrfurcht vor so viel aufgeblasener akademischer Gelehrsamkeit fast erstarren möchte.

Diese Art von Rohtexten ist ein Spiegel meines Denkens. Ich denke kompliziert, ich denke verschachtelt, ich denke in hundert Einschüben, auf die ich erst komme, wenn ich einen Gedanken niederschreibe, mit hundert Unterfragen und Widersprüchen. Ich denke im Schreiben, und mein Denken ist kompliziert und hochtrabend, weshalb meine Rohtexte kompliziert und hochtrabend sind, und oft so voll von Bäumen, dass man nicht einmal ansatzweise mehr den Wald sieht. Dieses Denken ist anstrengend, und ich bin danach erschöpft, so als wäre ich stundenlang durch diesen Gedanken-Urwald geirrt ohne den Weg hinaus zu finden.

Doch dann beginnt glücklicherweise der Spaß. Dann wird das Unterholz gelichtet und ich mache mich auf die Suche nach dem Gedanken, der sich eigentlich in diesem Urwald verbirgt. Was will ich im Grunde sagen? Was ist die Kernaussage dieses und jenes Absatzes? Welchem Zweck dient er im Gesamttext?

Ich suche Stellen, an denen man Punkte machen und die Sätze aufdröseln kann. Ich wandle Passiv- in Aktivkonstruktionen um. Ich freue mich über jede neue Idee, die Licht und frische Luft zwischen die einzelnen Wörter bringt. Und während dieses Überarbeitens merke ich, wie langsam, langsam die Erkenntnis wächst, was ich an einer bestimmten Stelle eigentlich sagen möchte. Langsam, langsam erkenne ich die ganze Schönheit des Gedankens, der hinter dem Dickicht verborgen war, seine Eleganz, seine Qualität.

Überarbeiten enthüllt mir, was ich eigentlich gedacht habe, und macht mich stolz auf das, was ich begriffen habe. Erst beim Überarbeiten sehe ich, dass ein Text Gehalt und Fülle hat, dass eine Argumentation aufgeht, dass ich einen neuen Gedanken gedacht habe, den so noch niemand vor mir gedacht hat. Lange, verschachtelte Sätze sind nach Doris Märtin oft ein Zeichen dafür, dass ein Gedanke noch nicht zu Ende gedacht wurde (Märtin 2000, 139). So ist es bei meinen Rohtexten und darum liebe ich es, sie zu überarbeiten. Ich liebe es, in dieser Phase einem Gedanken auf den Grund zu gehen und seine präziseste und ästhetisch ansprechendste Form zu finden, so lange, bis der Text kein Urwald mehr ist sondern ein lichtdurchfluteter Nutzwald, in dem das herausgeschlagen wurde, was überflüssig war, und das stehen geblieben ist, was weiterwachsen kann und soll. Dann sitze ich im Schatten dieses Waldes und freue mich über seine Schönheit und wünsche mir, dass jeder Schritt des Schreibprozesses so befriedigend wäre. Aber jeder Urwald muss zuerst wuchern, damit er gelichtet werden kann; jeder Rohtext muss zuerst geschrieben werden, damit er überarbeitet werden kann.

Alexandra Kaar

Auf falsche Fragen gibt es keine richtigen Antworten!

Die Forschungsfrage ist und bleibt ein Kardinalpunkt beim wissenschaftlichen Schreiben. Ein selbstgewähltes Thema zu bearbeiten ist aufregend. Ein Thema wird zu meinem Thema, mein Thema ist verknüpft mit Interesse, Leidenschaft und Erfahrung. Doch zu viel an Herzblut birgt auch Gefahren!

Anstatt eine winzige Kleinigkeit zu zerlegen, zu analysieren und zu bearbeiten, erblicken Forschungsvorhaben das Licht der Welt, die eher eine Schar von WissenschafterInnen zur Bearbeitung bräuchten, denn ein einzelnes, kleines, verwundbares Studentlein!

Wissenschaft und leidenschaftliches Interesse können sich ergänzen. Eine enge Beziehung zum Thema kann aber auch eine verführerische Sirene sein, die die Schreibenden in manch elendslange Sackgassen „verlenkt.“

Es sei denn…

Du weißt genau, wie du den Forschungsfokus so beschränken und einschränken kannst, dass du innerhalb von 5 bis 8 Monaten das Thema gut bearbeiten kannst!!
Markus Mersits

Nicht jedes Drama ist eine Tragödie

Wie sagt Mephisto zu Faust: „Allwissend bin ich nicht, doch viel ist mir bewusst!“

Liebe Studentinnen, liebe Studenten!

Ich behaupte: Ihr könnt und wisst oft viel mehr, als ihr euch eingestehen möchtet! Bewusst starrt ihr auf eure Inkompetenzen – unbewusst sind euch die vielen Kompetenzen, die euch die Evolution, die Schule, die Oma, die Flötenlehrerin, die Professorinnen usw. mitgegeben haben.

Eine Anregung: macht euch eine Liste mit all den Büchern und Aufsätzen die ihr über euer Thema z.B. zur Masterthese gelesen habt! Sind es 5, 10, 15 oder gar mehr Quellen? Bravo, klopft euch auf die Schulter! Dann nehmt euch denjenigen Text zur Hand der gerade eine gewisse Anziehungskraft entwickelt. Um ihn nicht nochmal wirr nach Brauchbarem zu durchstöbern ist es sinnvoll, ein paar Gedanken in den „Suchfokus“ zu stecken. Was brauche ich jetzt genau vom Text, was suche ich im Text…? Findet man auf diese Frage eine Antwort, dann gleich ein paar Sätze dazu exzerpieren & ein, zwei Gedanken dazu niederschreiben. Jetzt fehlt nur noch die Quellenangabe & Voilá 🙂

Ein neuer Absatz, ein Stück Rohtext wurde geboren!

(Markus Mersits)

Wissenschaftliches Schreiben in einer Fremdsprache

ertappt.gif

Was ist Mehrsprachigkeit und wie wirkt sie sich auf (wissenschaftliche) Schreibprozesse aus?

Wie geht es Studierenden mit nicht-deutscher Erstsprache, die an
einer deutschsprachigen Universität studieren? Wie geht es deutschsprachigen Studierenden, die ihre Abschlussarbeiten in der Zweit-/Fremdsprache Englisch verfassen müssen?

Was müssen Leitende universitärer Lehrveranstaltungen, die
Schreibprozesse von Studierenden begleiten und/oder
Schreibprodukte beurteilen, beachten, wenn sie diese Studierenden  beim wissenschaftliches Schreiben begleiten?

Dr.Sara Hägis Lecture „Mehrsprachigkeit und wissenschaftliches Schreiben: Möglichkeiten, Grenzen und Konsequenzen“ beantwortet einige Fragen rund um Mehrsprachigkeit & wissenschaftliches Schreiben. Die Videoaufzeichnung des ca.35minütigen Vortrags gibts hier.

Interessante Überlegungen zur Wissenschaftssprache Deutsch stellt Kathrin Miglar in ihrem Artikel „German as an academic language“ an.

Am 5.April startet ein neuer Durchgang des Seminars „frei geschrieben international“ mit Anna Ladurner & Eva Karel. Hier kannst du deinen Schreibprozess (in der Zweit-/Fremdsprache) optimieren. Bist du dabei?

Bildquelle: „Ertappt“, Distant World Gallery, http://distantworlds.de/newgallery/displayimage.php?album=7&pos=9

Für wen schreibst du deine Masterthese?

Wer wird, wer soll deinen Text lesen? Der Adressat deines Textes ist eine wichtige Komponente im Schreibprozess. Denn: “Zu wissen, für wen man schreibt, heißt, zu wissen, wie man schreiben muss.” (Virginia Woolf)

Als Studierende hast du beim Schreiben deiner Diplomarbeit in der Regel deinen Betreuer  als Leser im Kopf. Ich höre oft von Studierenden, dass sie das Gefühl haben, nur fürs Regal zu schreiben – “Das liest ja eh nie jemand” – oder gar ins Leere zu schreiben. Dass der Betreuer die Masterthese nicht nur lesen, sondern auch kritisch beurteilen wird, kann einschüchtern und den Schreibfluss hemmen, besonders wenn es unsensible Kommentare des Betreuers zu (oft noch sehr rohen) Textproben des Studierenden gibt.

Neben dem realen Betreuer als Leser haben die meisten von uns gedachte Adressaten im Kopf. Peter Elbow nennt diese kritischen inneren Stimmen “readers in the head”, die Personen repräsentieren, die in der Vergangenheit unsere Texte bewertet und kritisiert haben. Bei vielen meiner KursteilnehmerInnen waren es oft rotstiftschwingende Deutschlehrer/innen, deren kritische Stimmen zu so massiven Schreibhemmungen geführt haben, dass das Schreiben im Studium als unüberwindbare angsteinflößende Hürde erscheint.

Wie kannst du mit den kritischen inneren und äußeren Stimmen umgehen, so dass sie dich beim Schreiben nicht behindern?

Mir hat beim Schreiben meiner eigenen Diplomarbeit geholfen, mir als Leser/innen andere Studierende vorzustellen, die Jahre später nach einem guten Überblick über die von mir gewählte Methode der Heidelberger Strukturlegetechnik zur Erfassung Subjektiver Theorien recherchieren werden 🙂 Ich habe also nicht nur für meine Betreuerin geschrieben, sondern auch für die Scientific Community. Wie dieses leserorientierte Schreiben funktioniert, d.h. wie du den Leser mit Metaformulierungen durch den Text leiten kannst und wie dadurch der vom Betreuer geforderte rote Faden sichtbar wird, kannst du lernen, z.B. hier

Während des Schreibens kannst du dir auch einen freundlichen Adressaten vorstellen, einen “friendly reader”. Das kann z.B. eine wohlwollende Studienkollegin sein. Um mit dem inneren Kritiker gut zurecht zu kommen, hilft, ihn beim Schreiben deiner ersten Fassung gedanklich wegzuschicken und erst später, wenn es ans Überarbeiten geht, wieder einzuladen, kritisch deinen Rohtext zu betrachten.

Johanna Vedral

Write@Night!

Komm zur  Schreibnacht write@night am Mi 4.Februar 2015, 20 – 22:00!

Am Teaching Center Campus WU haben WU-Studierende eine ganze Nacht lang  die Möglichkeit, sich mit aktuellen wissenschaftlichen Schreibprojekten zu befassen und mehr darüber zu erfahren, wie man akademisch arbeitet und schreibt.

Wir vom writers`studio unterstützen die Studierenden mit einem Gratis-Vortrag zum Thema Bachelorarbeit schreiben mit Schwung und Strategie und mit Gratis-Einzelcoachings.

Johanna Vedral & Michaela Muschitz

6 Tipps fürs Schreiben der Diplomarbeit aus verhaltenspsychologischer Sicht

Schreiben ist eine Form von „verbal behavior“, sagt der US-amerikanische Verhaltens-Psychologe B.F. Skinner in seinem klassischen Vortrag für Studierende „How you discover what you have to say” (Skinner, 1981)
Wie können wir unser Schreib-Verhalten effizienter gestalten? Wie sollte das Selbst-Management beim Schreiben der Diplomarbeit und anderen Schreibprojekten aussehen?

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Bist du eine Flow-Schreiberin?

Viele Schreibende bevorzugen einzelne Schreibphasen und hadern mit anderen.

Der eine träumt gerne von den Texten, die er schreiben wird, fängt aber nie an. Wie schön, wie viele Möglichkeiten es in der Ideenfindungsphase gibt! Die andere strukturiert und plant gerne, tut sich aber schwer damit, im Freewriting einfach shitty first drafts zu produzieren. Andere wiederum schreiben drauflos und verlieren sich irgendwann in den unendlichen Rohtext-Mengen, die sie produziert haben.

Beim Rohtext-Schreiben bin ich Weiterlesen